Das einfache Auge
„Der Leuchter des Leibes ist das Auge; wenn dein Auge einfach ist, wird dein ganzer Leib licht sein“. (Mt. 6,22)***
Im Matthäusevangelium spricht Jesus diese Worte an einer wichtigen Stelle, der Bergpredigt. Warum nennt Jesus hier das Auge „Leuchter des Leibes“? Muss uns Licht nicht von aussen erleuchten? Ich glaube, dass es stimmt: ohne Licht von aussen kann das Auge den Menschen nicht „hell“ machen. Wenn aber der Mensch als Ganzes, aus Körper und Geist, das Auge nicht verschließt, sondern sich der Schönheit der Dinge, die ihn umgeben (und die gibt es fast immer), öffnet, beginnt er zu sehen, dass das Schöne auf etwas hinweist, das er nicht sieht. Diese Hoffnung und Ahnung, dass die Schönheit der Welt Sinn macht und folglich, dass jemand diesen Sinn erdacht hat, lässt staunen, macht schön.
Leuchtende Augen ziehen an, sie sind Zeichen einer reinen Schönheit, die wir heute oft suchen müssen. Vor allem Kinder verraten durch ihre Augen, wo sie innerlich stehen. Indem sie uns den Spiegel ihrer Seele nicht verdecken, ist es uns leichter zu erraten, ob ihnen etwas gefällt oder nicht, ob sie aufrichtig oder nicht ganz ehrlich sind.
Ich glaube, dass Erwachsene den inneren Leuchter, das Auge, immer wieder aufblitzen lassen. Ignatius von Loyola, berichten einige, die ihm zu Lebzeiten nahe standen, hatte normalerweise ein Leuchten auf seinem Gesicht. Es gibt Abbildungen, die ihn mit kindlichem, einfachem, leicht nach oben gerichteten Blick zeigen. In den Exerzitien (Nr. 169) schreibt er:
„Bei jeder guten Wahl muss, soweit sie von uns abhängt, das Auge unserer Ausrichtung (intención) einfach sein, indem es einzig allein das anschaut, wozu ich geschaffen bin, nämlich hin zum Lobpreis Gottes unseres Herrn und zum Heil meiner Seele“.
Ignatius gibt hier einen Grundsatz für gute Entscheidungen. Im Zusammenhang mit dem „einfachen Auge“ des Evangeliums bedeutet das: eine Entscheidung ist sicher gesund, wenn mein innerer Leuchter hell ist. Mein innerer Leuchter, das „Auge“, ist aber nur dann hellklar, wenn er auf den Grund aller Schönheit ausgerichtet ist: Gott. Gott durchstrahlt die Welt wie eine unsichtbare Sonne. Wenn ich mich ihm einfach und kindlich öffne, kann er mich von innen her licht werden lassen. Jesus meint mit dem Auge nicht einfach das physische Auge. Denn gerade auch ein Blinder kann innerlich und nach aussen strahlen, weil „das Auge seiner Ausrichtung“ auf alles, was schön, gut und wahr ist, letztlich auf Gott, schaut.
Für die Spiritualität des Ignatius ist diese einfache, ehrliche innere Ausrichtung, die wir oft in den Augen der Kinder, oft genug in den Augen Erwachsener gesehen haben, entscheidend, dass ein gutes Leben gelingen kann.
***Verschiedene Übersetzungen können den Text klarer werden lassen:
Ο λυχνος του σοματος εστιν ο οφθαλμος, εαν ουν η ο οφθαλμος σου απλους , ολον το σωμα φωτεινον εσται. (NT Graece, Übersetzungsvorlage)
Die Lampe des Leibes ist das Auge; wenn nun dein Auge klar ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. (Elberfelder)
Lucerna corporis est oculus; si fuerit oculus tuus simplex totum corpus tuum lucidum erit. (Vulgata)
Das Auge ist die Leuchte des Leibes. Wenn nun dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. (Schlachter).